Sommerlesetipps
Brigitte Burkhalter, Leitung Bibliothek
Eckhard Fuhr «Schafe: ein Portrait»
Wie soll er sein, der Sommerlesetipp, klein, leicht und handlich? Oder doch der grosse vielseitige Band, der in sich ruhend die heissen Monate überdauert? Die Wahl fällt auf eine der vielen Überraschungen aus den reichen Beständen der Museumsgesellschaft. Es ist kein Roman, kein Krimi und auch kein Geschichtsbuch. Es ist ein dünnes Buch über Schafe. Schafe? Schafe!
Die Buchdecke ist braun mit blauer Schrift und es lässt sich ein Schaf ertasten. Man kann das etwas über hundertseitige Büchlein in einem Zug durchlesen oder zwischen thematischen Kapiteln und Portraits von Schafrassen auswählen für das abendliche Schäfchenzählen Deluxe.
Die einzelnen Texte sind kurzweilig und gelehrsam, zoologisch-anatomisch präzise und agrarisch-ökonomisch produktiv. Es finden sich literarische, kunsthistorische, geschichtliche oder numismatische Bezüge, Sprach- und Wortwitz inklusive. Geographisch geht es unter anderem von St. Kilda über Rügen nach Kamerun. Auch die Schweiz und Schaffhausen finden Erwähnung.
Liebevoll ausgewählte Abbildungen bringen bukolische Behaglichkeit und wollig-haarige sowie gehörnt-ungehörnte Erkenntnisse. Sie stehen in starkem Kontrast zu den bäuerlichen Realitäten mit schafbedingten Landenteignungen. Heute gerät man sich ob Wölfen in die Wolle.
Es zeigt sich, Mensch und Schaf sind seit Jahrtausenden miteinander unterwegs und die Beständigkeit des Schafes ist offenkundig.
Den Tipp zum Stricken gibt’s dann im Winter.
Matthes & Seitz 2017. Signatur MUG: N3820.
Elodie Caucigh, Mitgliederwesen / Leitung Lesesaal
David Foenkinos «La vie heureuse»
„Wir alle wollen an einem Punkt in unserem Leben ein anderer sein.“
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was Sie tun würden, wenn Sie eine zweite Chance bekämen? Wenn Sie Ihr Leben noch einmal ganz von vorne, ohne den Ballast der Vergangenheit, erfinden könnten? Für Éric, den Protagonisten in David Foenkinos’ neuem Roman, beginnt diese Reise an einem unerwarteten Ort: in einem bizarren Start-up mitten im pulsierenden Seoul. Hier legen sich Menschen bei lebendigem Leib in einen Sarg, um die eigene Beerdigung zu simulieren – ein radikales Experiment auf der Suche nach dem verlorenen Sinn des Daseins.
Was als Flucht vor einer tiefen Midlife-Crisis beginnt, entwickelt sich zu einer feinfühligen und überraschenden Erkundung der menschlichen Seele. Foenkinos verknüpft die glitzernde, fast surreale Kulisse Südkoreas mit den ganz intimen, oft schmerzhaften Fragen nach Identität, dem Druck gesellschaftlicher Erwartungen und der Sehnsucht nach echter Transformation. Mit der ihm eigenen französischen Leichtigkeit, gepaart mit tiefem psychologischem Gespür und einer Prise feinem Humor, führt uns der Autor an die Abgründe unserer modernen Leistungsgesellschaft – und zeigt uns gleichzeitig den Ausweg. Ein kluges, berührendes Buch, das wie eine sanfte Sommerbrise wirkt, aber noch lange nachklingt und den Blick auf das eigene Glück verändert.
Éditions Gallimard 2024. Signatur MUG: R10211.
Sandra Gubler, Kommunikation/Finanzen/Peronal
Nussaibah Younis «fundamentalös»
Ein Buch, bei dem die Gefahr besteht, in der Öffentlichkeit lauthals zu lachen. Die britisch-irakische Autorin Nussaibah Younis verbindet in ihrem Debütroman eigene Erfahrungen – sie ist vor allem für ihre Expertise über den Irak international bekannt und war in mehreren Hilfsorganisationen tätig – mit scharfem Witz und einer grossen Portion Satire.
Ihre Protagonistin Nadia entscheidet sich, nachdem sie von ihrer grossen Liebe Rosy verlassen wird, einen Job bei der UNO im Irak anzunehmen, um dort IS-Frauen zu deradikalisieren. Sich vor Ort mit den verschiedenen Vertreter*innen der Botschaften, Regierung, Hilfsorganisationen, der zwei muslimischen Hauptgruppen zu verständigen und einigen, bietet eine ganze Reihe an Stolpersteinen und entsprechend Stoff für Situationskomik sowie Tragik.
Das Buch stand 2025 auf der Shortlist für den Women’s Prize for Fiction.
Unionsverlag 2026, aus dem Englischen von Jasmin Humburg. Signatur MUG: N9593. «Fundamentally», Weidenfeld & Nicolson 2025. Signatur MUG: Q2192.
Beatrice Mascarhinhos, Mitgliederwesen / Leitung Lesesaal
Patrick Holzapfel «Hermelin auf Bänken»
«Hermelin auf Bänken» ist ein kein typischer Roman. Es gibt keinen Plott, keine spektakuläre Handlung. Der Erzähler ist ein Student, der durch die Stadt Wien spaziert und auf den vielen, unterschiedlichen Bänken sitzend nachdenkt. Auf seinen Gängen durch die Stadt begegnet er einem Obdachlosen, gekleidet in einem langen Hermelinmantel, sitzend auf einer Bank. Er setzt sich neben ihn und beginnt ein Gespräch. Der Mann neben ihm ist so gar nicht das, was Bettler sonst repräsentieren. Er sitzt in der Haltung eines Königs, mit Blick auf ein Schaufester eines Lampengeschäfts. Es ist die Haltung des Mannes, der Blick, der nicht nach aussen zu schauen scheint, sondern darüber hinaus. Es ist die Dauer des Sitzens, weil es nicht einfach eine Pause ist, viel mehr als ein Innehalten, vielleicht eine Haltung, eine Form des Lebens. Der Protagonist sucht nach dem Sinn seines Lebens, er sucht nach einem Weg durch das Dickicht des Lebens, nach einem Weg hinein in eine Trauer, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Trauer über den Tod seiner Mutter.
Rohstoff Verlag 2024. Signatur MUG: N8635
Emma Mitterbacher, Praktikantin Literaturhaus
Daniel Glattauer «Die spürst du nicht»
Die Idylle ist perfekt: die beiden Familien Binder und Strobl-Marinek treffen sich in der Ferienvilla in der Toskana und sind bereit für einen entspannenden Urlaub. Mit dabei ist auch eine Schulfreundin der Tochter Sophie – Aayana aus Somalia. Bereits am ersten Abend kommt es jedoch zur Katastrophe und Aayana ertrinkt unbemerkt im Pool. Wie geht es nun weiter? Wer trägt die Verantwortung? Und was ist ein Menschenleben wert?
Daniel Glattauer stellt grosse Fragen in seinem Roman, den man nur schwer wieder weglegen kann. Durch viel Sprachwitz und spannende Dialoge gelingt ihm eine Gradwanderung zwischen Humor und Ernsthaftigkeit und er hält so Pseudo-Toleranten Gutmenschen gnadenlos den Spiegel vor.
Zsolnay 2023
Nicola Steiner, Leitung Literaturhaus und Museumsgesellschaft
David Szalay «Was nicht gesagt werden kann»
Dieser Roman ist eine Wucht! Nicht wegen seines Plots: Ein Junge wächst in einer Plattenbausiedlung in Ungarn auf, landet in einer Jugendstrafanstalt, zieht in den Irakkrieg, kommt nach London, arbeitet dort als Chauffeur, heiratet nach dem Tod ihres Mannes seine ehemalige Chefin und endet wieder verarmt in der Wohnung seiner Mutter in Ungarn. Auch nicht wegen seiner universellen Themen: Begehren und Missbrauch, Zufall und Kontingenz des Lebens, Einsamkeit und Entfremdung und vieles mehr. Entscheidend ist seine exzeptionelle Machart: In knapper Prosa, mit lakonischen Dialogen und fragmentarischen Episoden, die gleichrangig nebeneinanderstehen, zeigt der kanadisch-britisch-ungarische Schriftsteller die Grenzen des Erzählbaren auf und erzeugt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.
Claassen 2026, aus dem Englischen von Henning Ahrens. Signatur MUG: N9305, «flesh», Scribner 2025. Signatur MUG: Q2324
Etumu Schoster, Literaturhaus Programmgestaltung/Projekte
Clara Heinrich «Pusztagold»
Das Wort «Carearbeit / Sorgearbeit» ist in den letzten Jahren zurecht in den Mittelpunkt des feministischen Diskurses gerückt. Aber was bedeutet es eigentlich, sich umeinander zu sorgen – etwa, wenn die umliegende Landschaft in der Hitze austrocknet oder der eigene Partner schwer erkrankt? Es gibt wenige Bücher, zu denen ich so häufig zurückkehre – Passagen unterstreiche, mit Notizen versehe, an Menschen in meinem Umfeld ausborge – wie Clara Heinrichs Debüt «Pusztagold», das letztes Jahr im Zürcher «Aki Verlag» erschienen ist. Das Buch ist eine literarische Verarbeitung von Clara Heinrichs Rückkehr in das österreichische Dorf ihrer Kindheit, nachdem ihr Partner schwer an ME/CFS erkrankt – einer Krankheit, die auch in der Schweiz trotz etwa 80 000 Betroffenen immer noch durch chronische Unterversorgung und ärztlicher Stigmatisierung geprägt ist.
«Ich lese.», heisst es in «Pusztagold», «auf der Suche nach einer Sprache, in der ich sein kann». Das Buch verbindet persönliche Erfahrungen mit Zitaten aus anderen Texten und «spinnt» – wie es in der feministischen «Edition Gossip» so schön heisst – ein vielschichtiges Textgewebe. Da ist es dann besonders toll, dass der Aki Verlag ohne einschränkende Genrebezeichnungen auf dem Cover auskommt. Zum Lesen – und dann immer wieder noch einmal Lesen!
Aki 2025. Signatur MUG: N9568
Andrea Wilhelm, Lesesaal
Noreen Masud «A Flat Place»
«Whenever I stand in a flat landscape, I feel myself becoming weightless, taken out of my childhood full of painful nothing.»
Gibt es eine Landschaft, die Sie besonders anzieht? Wilde Berge, liebliche Hügel, spektakuläre Fjorde, üppiger Urwald? Bei der Autorin Noreen Masud sind es weite, flache Landschaften, zu denen sie eine ganz spezielle Verbindung hat. Was mit einem Blick durchs Autofenster im Lahore ihrer Kindheit begann, vertiefte sich später in ihrer Wahlheimat Grossbritannien auf Reisen zu kargen Küstenstrichen in East Anglia, zu geschütztem Moor- und Marschland in der Landesmitte oder zu den rauen Orkney-Inseln ganz im Norden. Eine Natur, die auf die Autorin, die in ihrer Kindheit traumatisierende Erfahrungen machen musste, eine ganz besondere Wirkung hat, die ihre Emotionen aufnimmt, Trost spendet und Zugehörigkeit schafft. In unerwarteter Form verknüpft Noreen Masud berührende Beschreibungen von innerer und äusserer Landschaft. Dabei geht sie auch der Geschichte der besuchten Orte nach, setzt sich mit Kolonialismus und patriarchalen Strukturen auseinander, gibt Einblick in ihr früheres Leben in Pakistan – und lässt sich Witz und Humor nicht nehmen.
Hamish Hamilton an imprint of Penguin Books 2023. Signatur MUG: Q 1913
Simone Wagner, Literaturhaus
Siri Hustvedt «Was ich liebte»
Was ich liebte? Dieses Buch. Der Roman beginnt mit dem Kennenlernen von Leo Hertzberg, Kunsthistoriker, und Bill Wechsler, Maler. Daraus entwickelt sich eine lange und intensive Freundschaft zwischen den beiden, die so weit geht, dass sie, gemeinsam mit ihren Ehefrauen und Söhnen in ein Haus ziehen. Zusammen versuchen sie die Irrungen und Wirrungen des Lebens – erstes eigenes Heim, Kinder und die Liebe – zu meistern. Was noch als netter Familienroman beginnt, wird von Seite zu Seite spannender und auch schwieriger aus der Hand zu legen. Die Familienidylle kippt endgültig, als einer der Söhne tragisch verunglückt, und der andere in die Drogenszene abrutscht, und sich die beiden Väter nun nicht nur mit den Schicksalen ihrer Ehen, sondern auch mit denen ihrer Söhne befassen müssen. Souverän und mitfühlend, aber niemals kitschig scheibt Siri Hustvedt über Freundschaft, Liebe, Tragik und was sonst noch so zum Leben dazugehört.
Rowohlt Verlag 2003, aus dem Amerikanischen von Uli Aumüller, Erica Fischer und Grete Osterwald. Signatur MUG: J4881. «What I loved», Sceptre 2003. Signatur MUG: W325.